Der Faktencheck Gemeinschaftsschule

Seit vielen Jahren kämpft DIE LINKE für ein gerechtes und qualitativ besseres Schulsystem, zu dem auch die Einführung einer Gemeinschaftsschule gehört. Unser Ziel ist es, allen Menschen – unabhängig von Geschlecht, Religion, Behinderung, ethnischer Zugehörigkeit, besonderen Lernbedürfnissen, Wohnort, sozialen oder ökonomischen Voraussetzungen – die gleichen Chancen und Möglichkeiten zu geben, an qualitativ hochwertiger Bildung teilzuhaben und ihre Potenziale zu entwickeln. Dazu ist ein bildungspolitischer Paradigmenwechsel notwendig. Jedes Kind soll willkommen sein und optimal gefördert werden, niemand darf zurückgelassen und niemand beschämt werden. Im Vordergrund stehen die Lernenden und das individuelle Lernen in der Gemeinschaft.

Jede langfristig angelegte Bildungspolitik muss die sich verändernden demografischen Rahmenbedingungen berücksichtigen. Während sich der Geburtenrückgang nach 1989/90 abrupt und innerhalb weniger Jahre vollzog, gehen aktuelle Bevölkerungsprognosen für den Zeitraum bis 2030 von einem langsameren, aber kontinuierlichen Geburtenrückgang aus. Er  vollzieht sich in den Teilen des Landes Brandenburg höchst unterschiedlich. Während im Berliner Umland von 2011 bis 2030 ein Rückgang von 7.670 auf 5.240 Geburten pro Jahr zu erwarten ist, wird in den ländlichen Gebieten ein Rückgang von 11.300 auf 4.700 Geburten pro Jahr prognostiziert.

Aus dem oben genannten bildungspolitischen Zielen der LINKEN und der auf uns zukommenden demografischen Entwicklung ergeben sich zwangsläufig Auswirkungen auf die Bildungspolitik, die nicht unterschätzt werden dürfen. Die LINKE hält daher längeres gemeinsames Lernen und damit letztlich die Gemeinschaftsschule für den besten Weg, unser Schulsystem fit für die Zukunft zu machen. Diesen langfristigen Weg wollen wir im offenen Dialog gemeinsam mit den Menschen gehen. Zu diesem Dialog gehört, sich mit Vorurteilen zu unserer Idee auseinanderzusetzen – das wollen wir hiermit tun.

 

Behauptung 1:
Die Gemeinschaftsschule sei nur eine „Einheitsschule“

Das ist falsch! Die Gemeinschaftsschule ist das genaue Gegenteil von Einheitsbrei. Wir wollen, dass alle Kinder unabhängig von ihren Fähigkeiten und Voraussetzungen gemeinsam lernen und sich entfalten können – das ist Vielfalt. In der Gemeinschaftsschule wird individuell gefördert und die Einzigartigkeit jedes Menschen berücksichtigt, hier wird auf die Stärken und die Schwächen jedes einzelnen Kindes eingegangen. Für uns stehen die Chancen aufgrund von Individualität im Vordergrund – nicht Gleichmacherei!
Natürlich sind solche heterogenen Lerngruppen eine Herausforderung und die Rahmenbedingungen dafür müssen passen, wir wollen kein Ausgrenzen und kein Aussortieren von Kindern.

Die Gemeinschaftsschule bietet außerdem die Möglichkeit, alle Bildungsabschlüsse an einer Schule zu erreichen. Wir wollen, dass Bildungswege durchlässig sind. Das klappt an einer Schule, an der alle zusammen bis Klasse 10 bzw. 13 gemeinsam lernen besser und leichter. Auch hier gilt also Vielfalt statt Einheit.

 

Behauptung 2:
Die Gemeinschaftsschule bedroht die Gymnasien und den Schulfrieden insgesamt

Das ist falsch! Die Gemeinschaftsschule ist eine Chance, dass es im Schulsystem keine Friedhofsstille gibt. Wer von „Schulfrieden“ spricht, suggeriert damit, dass jede Veränderung eine Bedrohung wäre – eine völlig überzogene, falsche und zudem ideologische Behauptung. Angesichts jetzt schon sinkender Schüler*innen-Zahlen kann zudem von „Frieden“ derzeit ohnehin keine Rede sein: Schulen kämpfen um ihre Existenz, gerade im ländlichen Raum hat der Verlust einer kleinen Schule dramatische Folgen. Wer „Schulfrieden“ will, meint damit eigentlich nur ein „Weiter so“ – und genau diese Einstellung ist für unsere Schule und für unsere Kinder absolut falsch.

Unser Schulsystem muss sich in den kommenden Jahren verändern, wenn wir die anstehenden Herausforderungen bewältigen wollen. Weniger Schüler*innen, gerade im ländlichen Raum, zwingen uns zum Handeln. DIE LINKE möchte möglichst alle Schulstandorte erhalten, wir wollen unseren Grundsatz „Kurze Beine, kurze Wege“ auch für den Schulweg beibehalten. Das klappt nur, wenn wir mit der Gemeinschaftsschule neue Wege gehen, wenn wir das Schulsystem verändern. Flexible, kleine Lösungen vor Ort mit kleinen Klassen sind unser Erfolgsrezept und das wird ohne strukturelle Veränderungen nicht gehen. Zudem sind wir verpflichtet, die Inklusion von Menschen mit Behinderung voranzutreiben. Auch für diese strukturelle Aufgabe auf dem Weg zu einem inklusiven Schulsystem ist die Gemeinschaftsschule hervorragend geeignet.

Wir wollen auch die Gymnasien nicht abschaffen! Wenn die Gemeinschaftsschule gelingen soll, brauchen wir dafür auch die Kompetenzen und Erfahrungen der Gymnasien. Wir wollen alle Schule qualitativ weiterentwickeln und dabei auch die Gymnasien ermuntern, den Weg zur Gemeinschaftsschule zu gehen. Auch die Gymnasien können von einem durchlässigeren Schulsystem und von mehr individueller Förderung der Schüler*innen profitieren. Wir wollen kein Gegeneinander von Schulformen mehr, sondern ein Miteinander.

 

Behauptung 3:
Mit der Gemeinschaftsschule wird nur Mittelmaß gefördert, Begabtenförderung fällt weg

Das ist falsch! Mit der Gemeinschaftsschule gelingt uns eine noch viel zielgerichtetere Förderung der Kinder – je nach deren Fähigkeiten und Bedürfnissen. Dazu soll an den Gemeinschaftsschulen eine Unterrichts- und Lernkultur etabliert werden, die Stärken fördert und Schwächen ausgleicht. Auch besonders begabte Kinder erhalten eine entsprechende Unterstützung und profitieren davon. Zugleich werden in einer solchen Lerngruppe soziale Kompetenzen stärker ausgeprägt. Viele Studien zeigen, dass Kinder von- und miteinander deutlich besser und erfolgreicher lernen und dass gerade heterogene Gruppen positive Lernentwicklungen für alle Schüler*innen bringen.

Die Gemeinschaftsschule ist besonders im Hinblick auf die Chancengerechtigkeit aus Sicht der LINKEN der richtige Weg. Erfahrungen aus Berlin zeigen z.B., dass in Gemeinschaftsschulen der Lernerfolg weniger stark von der sozialen Herkunft abhängt. Auch in Klassen mit gemeinsamem Unterricht von Kindern mit und ohne Förderbedarf ist der Lernerfolg bei guten Rahmenbedingungen besonders hoch – für alle Kinder. Daher beinhaltet die individuelle Förderung in der Gemeinschaftsschule nach unserem Vorbild auch die Inklusion von Kindern mit Behinderungen und/oder Förderbedarfen. Wir wollen eine Schule für alle, die jedes Kind bestmöglich fördert und fordert.

Behauptung 4:
Die Schulen sind auf so eine neue Form überhaupt nicht vorbereitet

Stimmt nur zum Teil! Bereits heute gibt es 30 Schulzentren in Brandenburg, welche die Idee der Gemeinschaftsschule bereits angehen. Hier läuft die Kooperation sehr gut. Dennoch braucht die Gemeinschaftsschule optimale Rahmenbedingungen, die aber teilweise bereits jetzt machbar sind. Die Lehrkräfte werden schon seit einigen Jahren im Studium in Brandenburg besser auf künftige Herausforderung in der Schule vorbereitet. Dazu zählt auch, wie man Förderbedarfe besser erkennen und Kinder individueller fördern kann. Damit gibt es für den gemeinsamen Unterricht in einer Gemeinschaftsschule bereits gute Voraussetzungen. Außerdem sind viele Lehrkräfte schon heute hoch motiviert und engagiert, wenn es um die Ziele der Gemeinschaftsschule geht.

Im Schuljahr 2017/18 wird der neue Rahmenlehrplan für Brandenburg in Kraft treten. Mit diesem neuen Lehrplan wird individuelle Förderung erleichtert. Außerdem gilt dieser neue Rahmen erstmals von Klasse 1 bis 10 – beide Änderungen begünstigen die Umstellung zur Gemeinschaftsschule.

Auch finanziell und personell wollen wir die Schulen, die sich auf den Weg zur Gemeinschaftsschule machen, unterstützen. Wir wollen zusätzliche Lehrer*innen-Stellen sowie Gelder für eine wissenschaftliche Begleitung und Fortbildung bereitstellen. Mit einer besseren Personalausstattung sollen die hohen Ansprüche an den gemeinsamen Unterricht und die individuelle Förderung umgesetzt werden. Ab 2016 wird es zusätzlich ein Investitionsprogramm in Höhe von 80 Mio. Euro geben, welches die Kommunen für ihre Schulen – vor allem unter dem Aspekt Gemeinschaftsschule – nutzen können.

Fazit:
Wie sieht unser Weg zur Gemeinschaftsschule konkret aus?

DIE LINKE hat im Sommer 2015 ihr konkretes Konzept zur Gemeinschaftsschule veröffentlicht. Wir wollen nun zunächst einen intensiven und offenen Dialog über das Konzept führen. Wir wollen unsere Idee nicht von oben bestimmen, sondern gemeinsam mit Schüler*innen, Lehrer*innen, Schulträgern und Eltern über unseren Vorschlag reden und diesen weiterentwickeln. Nur wenn die Gemeinschaftsschule von unten wächst, kann sie ein Erfolg werden.

Unser Ziel ist es, 2017 oder 2018 mit einer Pilotphase zu beginnen. Schulen und Träger, die sich auf den Weg zur Gemeinschaftsschule machen wollen, sollen in dieser Pilotphase mit der entsprechenden Unterstützung sowie wissenschaftlicher Begleitung starten.

Wir laden Sie daher herzlich ein, sich an dem Dialog zu beteiligen, Ihre Meinung, Fragen und Vorschläge an uns zu richten! Wir freuen uns auf Ihren Beitrag – gemeinsam wollen wir eine zukunftsfähige Schule für Brandenburg.